Gruppenrapport in Trainings – Vielmehr eine Haltung als eine Technik!

Meist kann sich jeder spontan an zumindest einen scheinbar nicht enden wollenden Seminartag erinnern, in dem er sich nicht „gesehen“ bzw. nicht „abgeholt“ gefühlt hat, obwohl das Thema eigentlich ganz vielversprechend erschien. Vermutlich bietet die eigene Schulzeit den meisten von uns auch entsprechende Referenzerlebnisse 😉

Auf der anderen Seite gab es vermutlich auch Seminarleiter und Trainer, bei denen ihr euch gesehen und angenommen gefühlt habt. Ihr konntet wahrscheinlich aktiv Beiträge leisten und mit dem neuen Wissen direkt an euren eigenen Erfahrungshorizont anknüpfen. Was genau ist es, was Trainings so unterschiedlich gut macht? Wie schaffen es Trainer, eine Gruppe auch über einen längeren Zeitraum zu begeistern und „bei der Stange“ zu halten?

Ehrlicherweise muss man sagen, dass ein gutes Training und gute Seminare von sehr vielen Faktoren abhängen: Angefangen bei dem Match zwischen intrinsischem Interesse der Teilnehmer und dem Thema, über die Vielfalt der Methodik, die verschiedene Lerner-Typen bedient, bis hin zu einem didaktisch–methodischen, auf die Zielgruppe und das Thema abgestimmten Aufbau der Veranstaltung. Auch gutes Framing, das Beherrschen von Ankertechniken und eine gewisse Medienkompetenz runden das Portfolio ab. Zudem sollte ein guter Trainer neben einer soliden Vorplanung immer auch flexibel Raum für die Bedürfnisse der Teilnehmer lassen. Neben all dem braucht es eine Grundvoraussetzung: Eine gute Beziehung zwischen Trainer und Teilnehmern.

Nun gibt es im NLP für die Beziehungsgestaltung eine Technik, die sich Pacing – Rapport – Leading nennt und eine situative Vertrauensbasis zwischen Menschen zu schaffen im Stande ist. Schon in den ersten Stunden des Practitioner Kurses lernen die NLP Interessierten genau diese Technik des Pacing auf den verschiedenen Repräsentationsebenen und zum Herstellen von Rapport als Grundlage für gute Kommunikation bzw. gelingendes Coaching kennen. Ein versierter NLPler weiß, dass er erst auf der Basis bestehenden Rapports erfolgreich ins Lead gehen kann, d.h. neue Ideen, Perspektiven vorschlagen und Veränderungsarbeit initiieren kann.

Ebenso verhält es sich grundsätzlich auch im Umgang mit Gruppen. Nur, dass es ein Trainer bzw. Seminarleiter eben nicht mit nur mit einer Person, sondern in der Regel mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen zu tun hat, die – auch wenn sie gemeinsame Gruppenmerkmale teilen – immer auch individuelle Dispositionen mitbringen, die es zu pacen gilt, um überhaupt Gruppenrapport aufbauen zu können.

Was braucht also ein guter Trainer, um erfolgreich Gruppenrapport herzustellen und über einen Seminarzeitraum auch zu halten? Meiner Erfahrung nach lässt sich die Frage anhand von drei Thesen verdeutlichen:

  1. Gruppen-Rapport ist weniger eine Technik, als vielmehr eine wertschätzende Haltung deinen Teilnehmern gegenüber!
    Menschen wollen persönlich wahrgenommen und angesprochen werden. Daher ist es essentiell, deine Teilnehmer zu kennen und / oder diese kennen zu lernen. In jeder Gruppe sitzen Menschen, für die du dich interessieren darfst. Erlaube dir Raum einzuplanen, damit du deine Teilnehmer kennen lernst. Stell dir vor, welchen Nutzen folgende Fragen für die Motivation deiner Teilnehmer haben können: „Was wünscht ihr euch? Was bringt ihr mit? Welche Erwartungen an und welche Ziele habt ihr für das Seminar? Was kann ich euch anbieten, damit ihr von dieser Veranstaltung maximal profitiert? Wie würdet ihr euch gerne am Ende des Seminars fühlen und welche Aspekte würdet ihr gerne für euch gelernt haben?“ Das ist der erste Schritt und es ist die Voraussetzung von effektivem Pacing in neuen Gruppen.
  1. Für Gruppen-Rapport braucht es moderative Fähigkeiten!
    Um Rapport herzustellen bietet es sich an, das eben Gehörte zusammenzufassen, zu wiederholen, zu spiegeln, einzelne Aspekte aufzugreifen und Konsens herzustellen, ggf, auch zu differenzieren, denn was dem einen wichtig ist, muss für den anderen nicht ausschlaggebend sein. Für beides bedarf es Raum und Achtsamkeit. Rapport braucht hier exzellente moderative Fähigkeiten, die Teilnehmerwünsche zu bündeln in der Lage sind, um dann gemeinsam(e) Ziele zu formulieren bzw. diese zielführend mit dem Thema zu verbinden. Das ist die Königsklasse des Leading!
  1. Pacing – Rapport – Leading ist keine sequentielle, sondern eine zyklische Kommunikationsform!
    Einige Seminarleiter, die ich erlebt habe, haben die Technik des Pacing – Rapport – Leading – falls sie sie überhaupt kannten – als sequentielle Abfolge verstanden. Wähnte sich ein Trainer erst einmal im Rapport mit seiner Gruppe, legte er los, ohne Rücksicht auf Einwände, ohne Raum zu lassen für Stolpersteine auf dem Lernweg. Während Erwachsene manchmal aus Höflichkeit oder aus Scham nicht immer gleich explizit kommunizieren, dass der Trainer sie verloren hat, melden Jugendliche ihr beginnendes Desinteresse auf vielfältige Weise in der Regel sofort zurück 😉

Für einen guten Trainer ist es daher essentiell, Rapport immer wieder neu aufzubauen, kurz aus dem Lead herauszugehen. Die Frage: „Was braucht meine Gruppe bzw. jeder einzelne Teilnehmer gerade jetzt, um den nächsten Schritt machen zu können?“, sollte die Leitfrage sein, mit der ein teilnehmerzentrierter Trainer immer wieder sicherstellt, wo sich seine Gruppe gerade befindet und was sie gerade braucht. Es ist auch hier das immerwährende Interesse und das ständige Bemühen um das Erforschen der inneren Landkarte der eigenen Teilnehmer.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich mich immer dann in einem Seminar bzw. einer Fortbildung gut aufgehoben gefühlt habe, wenn es dem Trainer gelang, auf mich einzugehen, oder ich zumindest das Gefühl hatte, er sieht mich, meine Ziele, Wünsche, meine Schwierigkeiten, nimmt diese wahr, benennt sie und kann mir Wege und Lösungen aufzeigen und anbieten.

Ich möchte jeden, der Gruppen trainiert daher dazu ermutigen, sich für seine Teilnehmer in besonderer Weise persönlich zu interessieren. Beziehungsarbeit ist nicht nur die Voraussetzung für gelingendes Training, es ist auch der entscheidende Aspekt, der die Arbeit mit Menschen so erfüllend  macht.

Thorsten Bitter, Lehrtrainer an der Pfalz NLP Academy

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